Rede für Frank-Ulrich Vögely, Bergfriedhof Heidelberg, 19. Februar 2011

 
 

Dr. Björn Knudsen

„Zwiegespräch“

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Zwei Menschen sitzen auf einem rohen Bretterboden, an die Beine eines alten Steinway-Flügels gelehnt. Es war eine lange Nacht, die Freunde kamen und gingen, und diese beiden sind übrig, als das erste Licht des Tages auf die deckenhohe Bücherwand fällt, auf die sie schauen.


Du wirst doch ständig nach den vielen Büchern gefragt, und ob du alle gelesen hast?


Ich sage immer, dass ich von fast allen weiß, was drinsteht.


Deine Erinnerungen?


Nicht meine Erinnerungen. Die Existenz der Menschheit in Worten. Ihre Wünsche, Sehnsüchte und Abgründe, ihre Begierden und ihre Leben. Meine Generation hat das klassische Bildungsideal immer verachtet. Aber selbstverständlich musste man trotzdem alles draufgeschafft haben. Und dazu dann die korrekten Sachen, die Typen die anders drauf sind.


... die „Achtundsechziger“


Der Begriff ist totaler Blödsinn. Alle denken sofort an die RAF und die Bomben, dabei war das eine winzige Minderheit. Die Basis war total pazifistisch. Realität war, dass man in den Geschäften nicht bedient wurde, wenn man lange Haare hatte. An diese Zeit habe ich meine eigenen Erinnerungen, sie ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Identität. Das brauch ich nicht von anderen in Büchern nachlesen. Heute kann man sich das, glaube ich, gar nicht mehr vorstellen. Ganz Europa war eine einzige Euphorie. Ich war in Florenz, in Paris. Ich bin nach Prag gefahren. Überall waren die Menschen politisiert, wollten gemeinsam etwas ändern. Sie wollten Freiheit. Wenn du so was erlebt hast, das in Prag, dann lässt es dich dein ganzes Leben nicht mehr los. Die Sehnsucht nach Freiheit. Wer den Geschmack der Freiheit einmal auf der Zunge hatte, der vergisst das niemals.


Kann ich das Buch da vor dir mal sehen?


Das Hier? Ach ja, das ist sowieso für dich. Jetzt wo du eine Druckgrafik von George Grosz besitzt, musst du dir unbedingt die Sachen anschauen. Hier, den Bildband von Ecce Homo. Und eine Biografie. Die hier ist gut, ist von Uwe Schneede. Dem hab ich mal ein blaues Auge verpasst. Ich glaube es ging um ne Frau.


Von wegen Pazifist...


Ach was, ich war damals ein dünnes Hemd. Aber manchmal muss man halt mal versuchen, sich Respekt zu verschaffen.


Weißt du, das ist immer toll hier in der alten Scheuer. Die Inschrift da hinten über der Tür zum Garten: anno 1662, und über 300 Jahre später sitzen wir hier und haben es gemütlich.


Das ist das zweitälteste Gebäude Feudenheims. Hinten wo heute der Garten ist, war der Hafen, bis dahin ging der Neckar. Als wir den Durchbruch da hinten neu gemacht haben beim Einzug, war der Putz so schön weich. Die Inschrift war nicht viel Arbeit. Manchmal braucht man eben nur einen rostigen Nagel, um Geschichte zu schreiben.


Würdest du lieber woanders leben? Frankreich vielleicht?


Als Boulespieler in der Bretagne meinst du? Einmal hab ich bei einem großen Turnier auf der Quiberon mitgespielt. Direkt am Meer mit Blick auf den Leuchtturm. Das Meer ist mein ewiger Traum. Damals hatte ich übrigens ein super spannendes Tête à Tête. Ich glaub es war bei dem Turnier, wo eine Kugel zerbrochen ist. Das passiert ganz selten. Boulekugeln sind super-präzise gearbeitet, fast perfekt austariert und mehrfach geschweißt. Jedenfalls ist dort eine in zwei Hälften gebrochen. Das macht ein ganz eigenartiges Geräusch, auch wenn man es nie gehört hat, erkennt man es sofort. Und auf einen Schlag hörten alle mit dem Spielen auf und waren total still, das ganze Turnier stand für einen Moment still – als wenn alle um die Kugel trauern.


Aber am liebsten schreibst du doch oder?


Meine Torwartkarriere dürfte aus Altersgründen ja wohl vorbei sein. Schreiben. Komponieren. Ich hab meistens ein halbes Dutzend Projekte gleichzeitig im Kopf, aber dann zu wenig Zeit, sie aufzuschreiben. Viel zu wenig Zeit. Ich arbeite an meiner eigenen Encyclopédie. D’Alembert und Diderot haben es damals vorgemacht. Natürlich auch ein paar andere, aber im Wesentlichen haben zwei Leute das damalige Weltwissen zusammengefasst. Band um Band als Subskription. Heute braucht natürlich kein Mensch mehr eine Faktensammlung. Es geht es um die persönliche subjektive Wertung, die Verbindung von Tatsachen, eigenen Erfahrungen und Gefühlen.


Der emotionale Zugang. Von Psychologie hältst du aber immer noch nicht viel.


Na ja, der gute Sigi Freud hat schon Entscheidendes geleistet – außer sich an seine Patientinnen ranzumachen. Da frage ich mich eher, was das heute praktisch bringt. Aber klar: nur mit der Leistung der großen Festplatte da oben ist es nicht getan. Interessant ist doch, wie Dinge auch unterschiedlich wahrgenommen werden.


Du meinst zum Beispiel so, wie manche Musiker Stücke in Farben sehen?


Synästhetisch? Na ja, das sind ja eher Einzelfälle. Martha Argerich hat das, oder Helene Grimaud. Bei der Argerich hatte ich mal einen Workshop. Normalerweise habe ich bei solchen Gelegenheiten immer darauf hingewiesen, dass ich Komponist bin. Dann hatte man etwas Bonus, wenn das Klavierspiel abfiel. Bei der Argerich hab ich sofort gesagt, ich bin Kunsthistoriker.


Und deine Schüler, was hatten die für Ausreden?


Im Alltag haben die Leute ihre Mechanismen drauf. Die verstellen sich. In dem Moment wo du die erste Taste drückst, weiß ich wie es dir geht. Musik ist ehrlich. Bei Musik kann man sich nicht verstellen. Bei dir war zum Beispiel meistens der Kopf im Weg. Ab und an hast du mal losgelassen, dann war’s auch richtig gut. Technische Fertigkeiten allein bringen überhaupt nix. Du spielst total zickig, wenn du es korrekt machen willst.


Ja ja, ich weiß. Und meine linke Hand habe ich nur, damit ich nicht vom Klavier kippe.


Stimmt auch.


Bei Sonnenaufgang bist du besonders einfühlsam.


Mein Lieber, das solltest du doch inzwischen wissen. Da muss ich jetzt mal grundsätzlich werden. Offenheit ist eine notwendige Voraussetzung für eine wirkliche Freundschaft. Freundschaft heißt, dass man sämtliche Nöte und Sorgen teilt – Freuden sind auch willkommen. Aber genauso erwarte ich, dass partiell andere Standpunkte oder auch Kritik nicht mit grundlegender Solidarität und Vertrauen verwechselt werden. Claqueure kann man in der nächsten Kneipe kaufen, von einem Freund ist zu erwarten, dass er nichts anderes im Sinn hat als dass es seinem Kumpel gut gehe. Das beweist sich in Krisenzeiten. Der wirkliche Freund ist derjenige und jenes äußerst seltene Exemplar, dem man alles nachsieht, auch wenn man gelegentlich verzweifeln mag oder den anderen nach einem Liebesmord im Knast besuchen muss.

Gleichwohl würde ich es nie anders haben wollen, alles andere wäre falsche Rücksichtnahme. Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als echte Freundschaft. Wer Freunde hat stirbt nicht alleine. Manche sagen, dass meine Art des Engagements den Weg in die Kiste beschleunigen würde. Da stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Lebenssinn oder lebenswerten Inhalten. Und da habe ich einen klaren Standpunkt und lasse mich nicht erschüttern. Dafür müssen auch mal meine kritischen Anmerkungen oder anderes queres Gerede in Kauf genommen werden.


Freundschaft das heißt dann auch Gastfreundschaft, ein offenes Haus?


Als Kind war ich oft in Lauffenburg. Die haben eine ganz ursprüngliche Form von Gastfreundschaft. Wenn du bei den dickschädeligen Alemannen einmal akzeptiert bist, kannst du dein Leben lang wiederkommen. Die schaffen es eisenhart einen ganzen Abend neben dir zu sitzen und kein Wort zu sagen. Und hinterher heißt es dann: der isch in Ordnung. Einen Platz zum Reden, Essen und Trinken und Zusammensein dafür hab ich viel investiert. Immer.


Und jetzt rauche mer noch e Zigarettle...